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Jung, diplomiert, zum Schnäppchenpreis (10.8.2004)

Billige und willige Berufseinsteiger ohne besondere Ansprüche? Gibt es doch längst, sogar frisch von der Universität. Junge Architekten, Juristen oder Geisteswissenschaftler hangeln sich oft mit 600 Euro brutto durch - Hauptsache Arbeit. Als Praktikanten oder Honorarkräfte hoffen sie auf eine feste Stelle. Doch das kann dauern (Spiegel online/ZEIT.de).

Artikel bei Spiegel online

Kurzversion bei ZEIT.de:

Diplomierte Billigarbeiter

Traumziel Tarifvertrag: Viele junge Akademiker müssen sich für wenige hundert Euro durchschlagen

Von Stefanie Schulte für ZEIT.de

Mit dem Traum im Hinterkopf, schicke Bürogebäude aus Glas und Stahl zu bauen, stürzte sich Nina Jung (Name geändert) voller Elan ins Architekturstudium. Nach acht Semestern hatte sie ihr Diplom mit der Spitzennote 1,5 in der Tasche. Doch nach vielen Dutzend Bewerbungen stellte sie fest, dass selbst die besten Nachwuchskräfte ihres Fachs auf dem Arbeitsmarkt kaum gefragt sind. Ihr erster Job war eine Praktikumstelle, Bruttogehalt 600 Euro. In ungezählten Überstunden zeichnete die junge Architektin für ihren Arbeitgeber Entwürfe. Doch ihre Hoffnung auf eine spätere Festanstellung oder zumindest Aufträge als Freiberuflerin zerplatzte. Nach sechs Monaten trat eine neue Praktikantin an ihre Stelle, und Nina Jung war wieder arbeitslos. "Es gibt im Moment einfach viel zu viele Architekten".

Mit dieser Vita ist Nina Jung längst keine Ausnahme mehr, meint Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: "Prekäre Arbeitsverhältnisse haben bei Jungakademikern in den letzten Jahren stark zugenommen". Wenn es auf alle Bewerbungen nur Absagen hagelt, weichen junge Hochschulabsolventen zunehmend auf Langzeitpraktika oder Honorarverträge aus.

Bereits Ende der neunziger Jahre arbeiteten nach einer Statistik der Bundesanstalt für Arbeit 10,2 Prozent der Akademiker mit Uni-Abschluss in Westdeutschland in einem "unsicheren Beschäftigungsverhältnis", in Ostdeutschland sogar 14,2 Prozent. Harro Honolka, Geschäftsführer des Instituts Student und Arbeitsmarkt in München, vermutet, dass der Anteil seither noch gestiegen ist. Die Mehrheit der akademischen Tagelöhner stellen Architekten, Geisteswissenschaftler, Juristen, Journalisten und Werbefachleute, deren Arbeitsmarkt teils konjunkturbedingt, teils dauerhaft besonders eng ist. Aber auch manche Betriebswirte hangeln sich nach dem Diplom von Praktikum zu Praktikum.

Praktikum als verlängerte Probezeit

Für diesen Trend sieht Christiane Konegen-Grenier neben der schwächelnden Wirtschaft und schwarzen Schafen, die beherzt die Notlage von Absolventen ausnutzen, noch andere Gründe: "Personaler lassen sich Zeit, bevor sie sich dauerhaft für einen Bewerber entscheiden, und beschäftigen ihn lieber erst als Praktikanten." Zudem wollen immer weniger Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mühsam anlernen, wenn sie mit wenig praktischem Wissen von der Hochschule kommen. "Absolventen müssen diese Erfahrung daher auf anderem Wege sammeln. Der eigentliche Berufseinstieg verzögert sich."

Das hat Folgen, die bis ins Privatleben der Jungakademiker reichen. Oft müssen Eltern mit einem Scheck einspringen, wenn das magere Einkommen aus Praktika und Honorarjobs nicht für Lebensunterhalt, Kranken- und Rentenversicherung reicht. "Diese finanzielle Abhängigkeit führt dazu, dass Akademiker immer später flügge werden", meint Helmut Winkler, Professor am Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung an der Uni Kassel. Denn oft verlangen Eltern im Gegenzug für die finanzielle Unterstützung, dass sich der Nachwuchs nach ihren Vorstellungen richtet.

Der rettende Scheck von den Eltern

Auch Junganwalt Ralf Konrad (Name geändert) ist auf Hilfe aus der Familie angewiesen. Mit seinen Honoraren von 600 bis 700 Euro kommt er nur mühsam zu Rande. Seine Zukunft hatte er sich anders vorgestellt, als er seinen sicheren Job als Schlosser für ein Jurastudium aufgab. Das Studium schloss er immerhin mit der Note "Drei" ab, nicht schlecht für einen Rechtswissenschaftler. "Aber für einen Job beispielsweise im öffentlichen Dienst braucht man mindestens eine Zwei".

So schlägt sich der 33-Jährige seit drei Jahren als freier Mitarbeiter in überregionalen Kanzleien durch. Die Hälfte seiner Honorare führt er an die überregionale Rechtsanwaltsgesellschaft ab, die Büro, Telefon und Büromaterial stellt. "Viele meiner Klienten sind auf Prozesskostenhilfe angewiesen. Ihnen darf ich nur sehr niedrige Honorare berechnen - beispielsweise 60 Euro für eine Mietstreitigkeit, die manchmal etliche Stunden Arbeit kostet", sagt Konrad.

Hochschulabsolventen, die eine solche Situation vermeiden wollen, müssen vor allem flexibler und mobiler werden und schon während des Studiums viel Praxiswissen sammeln, meint Helmut Winkler von der Uni Kassel. Ralf Konrad beherzigt diesen Rat allerdings schon längst. Er ist für seinen heutigen Job von Thüringen nach Norddeutschland gezogen und pendelt jedes Wochenende heim zu seiner Freundin. Manchmal grübelt er, ob er in seinem ursprünglich erlernten Beruf als Schlosser mehr verdient hätte. "Aber einen studierten Juristen würde niemand als Schlosser einstellen - und wie soll ich sonst die jahrelange Lücke in meinem Lebenslauf begründen?"
2004 by Stefanie Schulte | alle Nachrichten | nach oben
...fern der Länder Vokalien und Konsonantien leben die Blindtexte. Abgeschieden wohnen sie in Buchstabhausen an der Küste des Semantik, eines großen Sprachozeans.