Career Centers
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Der Student mit Armeerucksack, kurzer Hose und Turnschuhen nähert sich
zögernd dem Stand im Mensa-Foyer. Er greift zu einer Broschüre, blättert
eine Weile. Dann steuert er auf die Beraterin zu, die sich bis dahin im
Hintergrund gehalten hat. „Ich studiere Sportwissenschaften im zweiten
Semester und frage mich, was ich damit werden kann. Sportlehrer gibt es
schon so viele...“
Pfui, Karriere?
Solche Fragen
schienen noch vor wenigen Jahren auf dem Campus verpönt. Wer studierte,
hatte sich mit Kant, Kernphysik oder Kostenrechnung zu beschäftigen – was
nach dem Studium kam, war Privatsache.
Erst vor ein paar Jahren
hat das Thema Karriere Einzug in die Hochschulen gehalten: Heute sorgen
sich rund 70 so genannte „Einrichtungen zur Berufsvorbereitung“ an
Universitäten und Fachhochschulen um die berufliche Zukunft ihrer
Studenten. Einige sind nur für einzelne Fachrichtungen zuständig, die
anderen verstehen sich als „Career Centers“ und kümmern sich um alle
Hochschüler. Das Konzept stammt aus den USA und Großbritannien: An den
dortigen Unis ist Starthilfe vor und nach dem Diplom seit Jahrzehnten eine
Selbstverständlichkeit.
In Deutschland müssen sich die
Karriereberater auf dem Campus erst noch etablieren und Berührungsängste
abbauen: Für viele Studenten klingt Karriere immer noch nach
Ellbogeneinsatz. Im Mensa-Foyer der Uni Bochum hat sich die „KoBra –
Koordinierungsstelle Beruf und Arbeitsmarkt“ angesiedelt – zwischen
Seidentüchern, Silberschmuck, CD-Wühltisch und Copy-Shop. Mit
Kiefernholz-Ambiente lädt der Stand Studenten, die mittags zur
Essensausgabe stürmen, zum Zwischenstopp ein.
Wie wär’s mit
Eventmanager?
Der angehende Sportwissenschaftler, der
eigentlich nur mal gucken wollte, verlässt eine halbe Stunde später mit
einem Packen Broschüren den Stand. „Sie könnten zum Beispiel als
Event-Manager in einer Agentur arbeiten und Sportveranstaltungen
organisieren, hat Beraterin Astrid Knott ihm in dem spontanen
Beratungsgespräch vorgeschlagen. „Wichtig ist, dass Sie sich während des
Studiums schon Zusatzqualifikationen aneignen. Sie könnten etwa
Tennistraining geben oder Fortbildungen besuchen – wie wär’s mit
betriebswirtschaftlichen Grundlagen oder Rhetorik?“
Schmankerl
für den Lebenslauf
Solche Bonbons stecken im 74 Seiten starken
Veranstaltungsprogramm, das die beiden hauptberuflichen Beraterinnen von
KoBra zusammengestellt haben, reichlich: Aus „Motivations- und
Präsentationstechniken“ über „Berufsfelder der Pädagogik“ bis hin zu „Fit
for Job“ können Studenten ihr persönliches Zukunfts-Menü wählen.
Vorträge, Workshops und Seminare sowie die persönliche Beratung
zählen zu den Hauptaktivitäten aller Career Centers – egal, ob sie sich
„Student und Arbeitsmarkt“, „Magister in den Beruf“ oder „Mit Leibniz zu
Bahlsen“ nennen. Viele bieten den Studenten zusätzlich Praktikums- und
Jobbörsen, Auslandsprogramme, Recruiting-Messen oder Alumni-Netzwerke.
„Wir beraten die Studenten nicht bei der Stundenplangestaltung
oder der Wahl der Studienschwerpunkte – dafür sind nach wie vor die
Fachstudienberater zuständig“, betont Britta Freis. Die promovierte
Geografin hat KoBra vor gut zwei Jahren ins Leben gerufen. „Aber wir
glauben, dass die meisten Studenten sich viel zu sehr auf ihre
Fachkenntnisse konzentrieren. Wir möchten sie dazu bringen, sich zu
fragen: Wohin will ich? Wofür kann ich mich begeistern? Wir wollen zeigen,
dass das Leben auch nach dem Studium Spaß macht.“
So bekommt etwa
ein Jurist und Hobbyreiter den Tipp, sich beim Pferdezüchterverband zu
bewerben. Adressen und Bewerbungsunterlagen-Check helfen ihm in den
Steigbügel. „Aber die Stelle suchen müssen die Studenten schon selbst“,
betont Freis.
Arbeitsamt neben Hörsaal
Denn die
Uni-Career Centers verstehen sich nicht primär als Jobvermittler. Das
können sie mit ihren durchschnittlich ein bis zwei Mitarbeitern an einer
Massenhochschule auch gar nicht leisten. Hier bieten sich die Arbeitsämter
mit ihrem eingespielten Vermittlungsapparat als Anlaufstelle an. An 50
Standorten haben die Ämter Hochschulteams mit Zweigstellen auf dem Campus
eingerichtet – so auch in Düsseldorf. Für längere Beratungsgespräche
fernab des Campusrummels lohnt sich der Weg zu den schmalen, weiß
gestrichenen Büroräumen des Hochschulteams im Düsseldorfer Arbeitsamt.
Simona Lange lässt sich auf dem Besucherstuhl an Raimund Schourens
Schreibtisch nieder. „Ich habe Lehramt für Englisch und Mathematik
studiert und bin jetzt im Referendariat – aber ich bin mir nicht mehr
sicher, ob das wirklich das Richtige ist“, erzählt die 29-Jährige.
„Wieso denn? Mathe-Lehrer sind im Moment Mangelware, da haben Sie
doch einen richtig dicken Köder an der Angel. Es sei denn, Sie haben
Probleme mit den Schülern“, hakt Arbeitsberater Schouren nach. „Mit denen
komme ich gut klar – aber ich habe Stress mit meinem Fachleiter. Ich
wollte mich einfach mal umhören, welche Alternativen es gibt.“ Schouren
gibt etwas in seinen Computer ein und dreht den Monitor zur Besucherin.
„Für Sie kämen PR, Werbung oder Marketing in Frage. Wäre das was für Sie?“
Von wegen verschnarcht
„Viele denken: Wenn ich ins
Arbeitsamt gehe, dann wiehert der Amtsschimmel“, sagt Karin Wilcke vom
Düsseldorfer Hochschulteam. „Aber wir engagieren uns sehr dafür, dass
unsere Besucher einen Job finden, in dem sie sich wohl fühlen – und
drängen sie nicht in irgendeine Richtung.“ Auch die Mitarbeiter des
Arbeitsamtes fragen daher nach den Vorlieben des Ratsuchenden. „Stellt
sich heraus, dass jemand am Theater oder in einer Unternehmensberatung
arbeiten möchte, greifen wir gerne zum Telefonhörer und vermitteln ein
Praktikum.“
Das gute Netzwerk der Arbeitsämter unterstreicht auch
Britta Freis von KoBra. „Zuweilen gibt es Rivalitäten zwischen den
Hochschulteams und den Career Centers. Anderswo arbeiten beide
Einrichtungen zusammen – wie bei uns: Wir betreiben den Mensaladen
gemeinsam mit dem Hochschulteam und werden vom Arbeitsamt mitfinanziert.
Studenten sollten beide Einrichtungen nutzen – wir helfen bei der
Karriereplanung und der Verzahnung mit dem Studium, und die Ämter kennen
sich einfach am besten mit dem Arbeitsmarkt aus.“
Dankbare
„Kunden“ zitieren die Mitarbeiter beider Einrichtungen gerne: Ein
Elektrotechniker, dem die Bochumer Beraterinnen die Entscheidung zwischen
Promotion und Job erleichtert haben, kommt zu Besuch und zieht seine
Visitenkarte: Er ist jetzt Entwicklungsingenieur.
Alles wird
gut
Raimund Schouren vom Düsseldorfer Hochschulteam erzählt
von einer arbeitslosen Geisteswissenschaftlerin: „In ihrem Lebenslauf
stand: Praktikum in einem Hotel in Florida. Im Gespräch haben wir
erfahren, dass sie dort am Telefon Kundenbeschwerden entgegengenommen hat
– und perfekt in Englisch verhandeln kann.“ Schouren feilte nochmals an
der Formulierung der Vita. Kürzlich trudelte eine Postkarte bei ihm ein: „
Hurra – es hat geklappt mit dem Job!“
Nachschlag
Handbuch Praxisinitiativen an Hochschulen.
Berufsorientierende Angebote für Studierende an Universitäten.
Holger Ehlert, Ulrich Welbers, Luchterhand 1999, 59
Mark.
Überblick über einen Großteil der berufsvorbereitenden
Einrichtungen an deutschen Hochschulen: http://www.s-a.uni-muenchen.de/aehnlich/aehnlich.htm Liste
aller Hochschulteams: http://www.arbeitsamt.de/hst/services/bsw/hochschulteam/
Stefanie Schulte Foto: Stephan Sahm
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